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Trainingsimpressionen
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Eine Reise ins Mutterland

41 Jahre nachdem er mit Judo begonnen hat ließ unser Autor Ulrich Klocke seinen langjährigen Traum wahr werden. Er reiste nach Japan und trainierte unter anderem acht Tage lang im Kodokan. Seine Eindrücke und Bilder teilt er hier mit anderen Judokas.

Natürlich waren wir in erster Linie nach Japan gekommen, um am Kodokan zu trainieren. Dazu hatten wir in den beiden Wochen ausreichend Gelegenheit. Doch wir sollten auch kennen lernen, wie die .norrnalen" Japaner trainieren. So waren an zwei Abenden nach dem Kata-Training im Kodokan und an einem Nachmittag Besuche in anderen Dojos eingeplant für diejenigen, die Randori machen wollten und konnten. Die erste Trainingsgelegenheit führte uns in ein Dojo, das in einer städtischen Sporthalle untergebracht war. Ähnlich wie man es bei uns von Schwimmbädern kennt, musste ein kleiner Nutzungsbeitrag bezahlt werden.

Für die meisten von uns lief das Training anders ab als gewohnt. Kein verantwortlicher Sensei, Chef oder Meister setzte ein Zeichen für den Trainingsbeginn - wer kam, fing einfach an, sich aufzuwärmen oder mit einem schon vorhandenen Partner Uchi-komi-Serien zu machen. Danach konnte man mit Boden-Randori loslegen und mit Stand-Randori fortsetzen. Da die Arbeitszeiten unterschiedlich enden, war dies das Vorgehen, das allen ermöglichte, in einem Zeitraum von rund zwei Stunden Judo zu trainieren.

Das war den Japanern klar, uns jedoch nicht! Als wir nach längerem Warten und verwundertem Zuschauen endlich auch mit den Randori beginnen wollten (konnten), kam schon der Abpfiff. Wir waren nämlich eingeladen, mit einigen der Vereinsmitglieder  im Anschluss noch Japanisch zu essen - mit allem Drum und Dran - also auch Getränken. Fisch, Tempura und Getränke bis im Wortsinne zurn Abwinken. Ein toller Abend mit äußerst freundlichen und herzlichen Gastgebern, die uns am Ende des gemeinsamen Essens auch deutlich machten, warum wir so kurzfristig vom Training aufbrechen mussten: Punkt 22 Uhr war das Essen zu Ende. Hätten wir später begonnen, wäre weniger Zeit zum Essen geblieben.

Oldies im Randori

Der zweite Dojo-Besuch führte uns ins Geschäftsviertel von Tokio, zum Marunouchi Judo-Club, der mit dem Mitsubishi  Autokonzern verbunden ist. Hier sind viele der japanischen Teilnehmer älter als 65 bis 70 Jahre. Für mich war es ein Erlebnis, als über 60-Jähriger mit 70-Jährigen und sogar einem 81-Jährigen Randori zu machen: aufrecht, mit lockeren Armen, viel Bewegung und der Bereitschaft , bei einem guten Wurfansatz auch zu fallen. Das hat riesigen Spaß gemacht, und ich nahm mir vor, diese Art des Randoris auch in meinem Heimatclub in meiner Oldie-Gruppe stärker zu propagieren.

Zum Trainingsabschluss sollte ein Vergleich zwischen japanischem und deutschem Judo gemacht werden, für den man zwei Vorführungen der Koshiki-no-kata für geeignet hielt. Für die Japaner trat mit World-Masters-Sieger Seike ein Spitzenmann an. Die deutsche Fahne wurde von Dieter Münnekhof und Michael Hoffmann hochgehalten, zwei Kata-Spezialisten, die sich vor der japanischen Konkurrenz" nicht zu verstecken brauchten. Viel Beifall von allen Seiten beendete diesen großartigen Vergleich. Im Anschluss an das Training waren wir noch ganzoffiziell zu einem Bankett eingeladen.

Uns erwarteten nicht nur herzliche Gastgeber und reichlich Speis und Trank, sondern auch höfliche Ansprachen, japanische Flötenspiele, kleine Gastgeschenke, eine Gesangseinlage des Präsidenten und drei Damen im Kimono. Als dann gegen 22 Uhr auch die üblichen Gruppenfotos gemacht waren, war der Abend dann für mich ein wenig überraschend zu Ende. Die Gastgeber baten nachdrücklich um Aufbruch, denn der Saal war nur bis 22 Uhr gemietet. Wir mussten feststellen, dass Japaner noch pünktlicher sind als die sonst als so überpünktlich bezeichneten Deutschen.

Auch das dritte Training außerhalb des Kodokans sollte spannend und aufschlussreich werden. Im Zusammenhang mit der neuen Prüfungsordnung für Dan-Grade war für die Prüfung zum 3. Dan im DJB eine „neue" Kata nicht nur ins Gespräch, sondern gleich verpflichtend ins Programm für die Prüflinge gekommen, die Nage-waza-ura-no-kata, eine Gegenwurf-Kata zur Nage-no-kata. Da ich diese Kata noch nie selbst geübt hatte, war ich an einem Kennenlernen sehr interessiert. Unser Reiseleiter Dieter Born hatte einen Termin bei Tochigasa Ochiai (8. Dan) gemacht, einem der wenigen hochrangigen Spezialisten, die sich  mit dieser Kata von Kyuzo Mifune, dem 1965 verstorbenen 10. Dan, über Jahre beschäftigt hatten. In einem weiteren, jedoch deutlich kleineren städtischen Dojo konnten wir an einem Training von Ochiai Sensei teilnehmen, bei dem auch wieder erstaunlich viele ältere Judokas auf der Matte standen.

Bei der Kata-Koryphäe

Nach einer typisch japanischen Gymnastik, Uchi-komi und Fallübungen wurde uns die Nage-waza-ura-no-kata von zwei älteren Schülern Ochiais demonstriert. Danach konnten wir innerhalb von knapp zwei Stunden die einzelnen Gruppen und Techniken mit unseren Partnern studieren und – falls nötig - auch Fragen stellen. Nach einigen abschließenden Randoris erhielt dann jeder eine DVD und eine schriftliche Zusammenfassung der geübten Kata. Ein toller Abend bei einem beeindruckenden Ochiai Sensei.

Bodenrandori bis zum Abwinken

Das letzteTraining bei einem Klub außerhalb des Kodokans sollte uns nicht nur mit einer Form des Judotrainings konfrontieren, die in Deutschland nur relativ wenige kennen, sondern die den meisten aus unserer Gruppe auch körperlich alles abverlangte. Es ging zur Newaza Kenkyukai und dem Kosen-Judo, das einigen Interessierten vor allem durch dessen letzten Vertreter, Kanae Hirata, „der Sensei mit dem Stock", bekannt sein könnte. Kosen-Judo war das Judo, welches bei den Speziellen Alljapanischen Hochschulmeisterschaften ab etwa 1910 praktiziert wurde.

Anders als im Kodokan, wo Nage-waza die Hauptrolle spielte, waren beim Kosen-Judo durch leicht veränderte Wettkampfregeln auch sehr lange Bodensequenzen erlaubt, wodurch sich Kosen-Judokas als Ne-waza-Spezialisten entwickelten. Bei den Mannschaftswettkämpfen der Hochschulen sind nur Siege durch Ippon (bzw. zwei Waza-aris) möglich. Der Sieger eines Kampfs bleibt stehen und kämpft gegen den Nächsten der gegnerischen Mannschaft. Bei einem Unentschieden kommen zwei Neue! Es war erlaubt, direkt in die Bodenlage überzugehen (Hiki-komi). Da nur der Ippon als Sieg zählte und die Kampfrichter auch bei längerem Verharren in einer Position nicht unterbrachen, konnten sich dadurch längere Bodenkampfsequenzen entwickeln.


Auch heute noch gibt es mit Nana Dai Judo (Judo der sieben Universitäten) eine Organisation, die sich als Zusammenschluss von sieben ehemaligen kaiserlichen Universitäten in der Nachfolge des Kosen-Judos sieht. Wir waren vorgewarnt. Das Training sollte drei Stunden dauern, die überwiegend gefüllt waren mit Boden-Randori. Ein Training bei den Kosen Leuten läuft in der Regel so ab: 40 Minuten vorbereitende Übungen, dann 60 Minuten Ne-waza-Randori (mit 20 verschiedenen Partnern jeweils drei Minuten), dann 15 Minuten Tachi-waza-Randori, anschließend Ne-waza-Motodachi-Randori. Dabei sitzen fünf bis zehn Judokas vorne (Motodachi) und machen Randori mit jedem, der kommt. So lange, bis sie sich auswechseln lassen wollen. Hiernach kann noch etwas Techniktraining folgen, wobei vom Sensei Herausgepickte hauptsächlich Eingänge, neue Techniken oder eigene Spezialtechniken demonstrieren, die dann von allen geübt werden. Zum Abschluss folgt Gymnastik. Auch wenn von uns nicht alle in der Lage waren, so ein Drei Stunden-Programm mit Power durchzustehen (von den Japanern auch nur wenige), war es eine wirkliche Erfahrung, zu fühlen, wie es ist, im fortgeschrittenen Alter bis an die Grenzen zu gehen und zu spüren, dass man zwar noch kämpfen will, aber irgendwann einfach nicht mehr kann. Die Rückfahrt mit der U-Bahn verlief ziemlich ruhig. Einige überkam der Schlaf, was wir zuvor stets mit einem leichten Lächeln nur bei unseren japanischen Mitreisenden beobachtet hatten.

Quelle: Judo-Magazin 2/12