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Sind Dan-Grade "Meistergrade" und wie viele gibt es?

von Wolfgang Dax-Romswinkel. 6. Dan

Nicht alles, was häufig behauptet wird, stimmt auch. Wir räumen mit Irrtümern auf, die in vielen Köpfen fest verankert sind, und tauchen dabei tief in die Judomaterie ein.


Oft liest man in Lokalzeitungen oder auf Vereinshomepages, dass ein Judoka mit der Prüfung zum 1. Dan seine Meisterprüfung abgelegt hätte. Auf der anderen Seite kann man in Japan mit 14 Jahren den 1. Dan erwerben. Wie passt das zusammen? Sind Dan-Träger wirklich "Meister" des Judo?
In den Begleitmaterialien zur Dan-Prüfungsordnung des DJB finden wir folgende Formulierung zur öffentlichen Wahrnehmung eines Schwarzgurts:
"In der Öffentlichkeit wird der Danträger als Judo-Meister und als Vermittlungsexperte wahrgenommen. Er kann einem Schüler etwas vermitteln, auch wenn er nicht explizit als Trainer son dern nur als normaler Teilnehmer oder Trainingspartner auf der Matte steht. Er gilt als Praxis-Experte mit umfassendem Repertoire in exzellenter Ausführungsqualität, besitzt spezifische Kenntnisse und hat großes Hintergrundwissen. Er stellt als Persönlichkeit Autorität und Vorbildfunktion dar."
Nun behauptet niemand, dass dieses öffentliche Bild auch tatsächlich der Realität entspricht. Es ist aber das Ergebnis einer "Übersetzung", beziehungsweise Bedeutungserklärung von Dan-Graden als " Meistergrade". Doch ist das die tatsächliche Bedeutung von Dan-Graden? Die Entstehung und Entwicklung des Graduierungswesens liefert eine Antwort.

Entwicklung der Graduierungen
Die Entwicklung des Graduierungssysterns ist eine von mehreren Innovationen Jigoro Kanos, die sich als außerordentlich hilfreich bei der Verbreitung von Kodokan-Judo erwiesen haben.
Bereits in den Schulen der traditionellen Kriegskünste (Koryu-bugei) gab es ein System der Anerkennung und Lizenzierung in meist fünf Stufen. Kano erkannte den psychologischen Anreiz, der in diesem System lag, empfand jedoch die Zeiträume von teilweise mehreren Jahren, die der Einzelne auf jeder Stufe verweilen musste, als zu lang, um das System auch tatsächlich als Motivationsmittel nutzen zu können. Die grundsätzliche Idee eines gestuften Gratifikationssystems griff Kano daher auf, als er das Graduierungssystem für das Kodokan-Judo erdachte, verdoppelte aber die Anzahl der Stufen - oder anders ausgedrückt: er verringerte die Zeiten zwischen den
Graduierungen -, um den Schülern eine realistische und überschaubare Perspektive für ihr Aufsteigen zu bieten.
Außerdem wurden mit der Zeit mehr oder weniger nachvollziehbare Kriterien geschaffen, nach denen Graduierungen vorgenommen wurden, so dass das System für Schüler transparenter war als die Vorläufer aus den alten Jujutsu-Schulen.

Am Anfang waren die Dan-Grade
Bereits kurz nach Kodokan-Gründung nahm Kano eine Unterscheidung in
Nicht -Graduierte (Mudansha, mu = leer; ohne, nicht vorhanden sein) und Graduierte (Yudansha, Yu = vorhanden sein).
Die Graduierungen der Yudansha, also der Dan-Träger, wurden der Einfachheit halber durchnummeriert : 1. Dan, 2. Dan, 3. Dan und so weiter. Die weitere Unterteilung der Mudansha in Kyu-Grade wurde erst später vorgenommen.
Das Dan-System folgte dem Gedanken, dass Wissen und Können stets wachsen können, grundsätzlich nicht nach oben begrenzt . So merkte Kano 1930 in einem Artikel der Zeitschrift "Sakko" an, dass er zwar zehn Dan-Grade festgelegt habe, es aber auch durchaus möglich sei, höhere Grade zu erreichen. Später (1935 und 1937) schuf er allerdings Fakten, indem er als höchsten Grad den 10. Dan verliehen hat und höhere Kategorien nicht mehr erwähnt wurden. Somit blieb und bleibt es in der Praxis bei zehn Dan-Graden im Kodokan-Judo. Verschiedentlich ist zu lesen, dass es zwölf gäbe. Teilweise werden sogar Gürtelfarben (weiß) und -beschaffenheit (doppelte Breite) und philosophische Erklärungen angeboten wie: "der Kreis schließt sich und der wahre Meister wird wieder zum Schüler", "der 12. Dan repräsentiert den Geist des Judo" oder "weiß ist die Farbe des Lebens (=Anfang) und des Endes (=Tod)". In den Kodokan-Regularien und den schriftlichen Hinterlassenschaften Kanos findet sich nichts dergleichen. Kano selbst hatte übrigens keinen Dan-Grad - wer sollte auch über seine Graduierung entscheiden?

Die Farben als Zeichen
Erst drei bis vier Jahre nach der Etablierung des Graduierungssystems, also 1886/87, begannen die Dan-Träger im Kodokan schwarze Gürtel als Zeichen für ihre Graduierung zu tragen. Farbsymbole als Rangunterscheidung gab es bereits in einigen traditionellen Schulen (Koryu), jedoch waren die schwarzen Gürtel ein Spezifikum im Kodokan.
Farbige Gürtel zur Unterscheidung der Kyu-Grade wurden später schrittweise eingeführt. Im Jahr 1923 galt bei spielsweise folgende Einteilung – Anfänger: hellblau (wörtlich "wasserblau"), später ebenfalls weiß, 5. Kyu bis 4. Kyu: weiß, 3. Kyu bis 1. Kyu, Kinder violett, Erwachsene braun . Am 1. März 1930 wurde schließlich auch ein Farbsystem bei den Dan-Graden eingeführt: 1. bis 5. Dan : schwarz . 6. bis 9. Dan : alternierend rot-weiß, 10. Dan: rot. Erst im Januar 1943 wurde auch dem 9. Dan der rote Gürtel zugeordnet.
Frauen, für die in Japan einige Sonderregelungen gelten, haben einen schmalen weißen Längsstreifen in ihrem Gürtel und tragen bereits ab dem 8. Dan einen roten Gürtel. Rot-weiße und rote Gürtel gelten in Japan vorwiegend als zeremonielle Gürtel, die stets bei feierlichen Anlässen, aber nicht - oder nur selten - im alltäglichen Training getragen werden. In der Praxis gibt es aber individuelle Unterschiede.

Kriterien für Graduierungen
Wofür sollten nun - ganz allgemein Graduierungen zuerkannt werden? Wie sind Fortschritte in einem System zu bemessen, das nebentechnischen und kämpferischen Fertigkeiten auch Gesundheitsförderung, Charakterschulung und soziale Verantwortung als wesentliche Ziele betont ? Konsequenterweise flossen (und fließen bis zum heutigen Tag) daher neben den praktischen Fertigkeiten auch charakterliche und soziale Eigenschaften in die zu berücksichtigenden Kriterien für Graduierungen ein.
In den 1925 gedruckten Regeln für Kyu- und Dan -Grade im Kodokan heißt es dazu in Artikel 10 (übersetzt aus A. Bennett, 2009, S. 116):
Die Entscheidung über eine Graduierung basiert auf dem Charakter des Kandidaten, seinen Fertigkeiten in Kata und Randori, Wissen überJudo, Teilnahme am Judo-Training, Ergebnisse im Judo usw. Die Beurteilung der Kandidaten geschieht auf der Basis der folgenden Kriterien:
a) wenn ein Kandidat charakterliche Mängel aufweist, wird er nichtgraduiert, auch wenn er andere Bedingungen erfüllt,
b) bei Kandidaten, die einen guten Charakter besitzen, fleißig trainieren, die das durch Judo Gelernte im täglichen Leben anwenden und durch Judo Fortschritte gemacht haben, können hierdurch bis zu einem gewissen Grade
technische Defizite ausgeglichen werden,
c)die Bewertung der Judo-Techniken berücksichtigt besonders Haltung, Balance und Sicherheit bei derAusfuhrung,
d) in Bezug auf das Wissen über Judo müssen Kandidaten für den 1. Dan oder höher ein sicheres Verständnis der Theorie der Judo-Techniken nachweisen und demonstrieren, welche Bedeutung dies in ihrem Judo hat.
Technische Fertigkeiten und Kampfstärke sind also bei weitem nicht die einzigen Kriterien für die Vergabe einer Graduierung, was in Anbetracht des Anspruchs von Kodokan-Judo, ein um fassendes System zur Persönlichkeitsbildung zu sein, nur konsequent ist, sich jedoch naturgemäß einer objektiven Beurteilung noch mehr entzieht als die Überprüfung praktischer Fertigkeiten.
Die Leistungen in Randori wurden (und werden immer noch) durch die Ergebnisse bei den regelmäßig stattfindenden Graduierungsturnieren (Tsukunarni-shiai und Kohaku-shiai) beurteilt. Um graduiert zu werden, muss ein Kandidat - bis einschließ lich zum 8. Dan (!) - eine bestimmte Anzahl an Gegnern im Wettkampf besiegen und so die Punkte für die nächste Graduierung sammeln. Die Anzahl der nötigen Punkte reduziert sich mit der Dauer der Vorbereitungszeit. Eine Sonderform ist die direkte Graduierung zum nächst höheren Grad, wenn nacheinander sechs Gegner, und mindestens fünf davon mit Ippon, besiegt wurden.
Der Bereich Kata wird bei höheren Dan-Graden durch öffentliche Vorführungen nachgewiesen. Für hohe Dan-Grade erfolgen diese auf entsprechend hochrangigen Veranstaltungen. So mussten beispielsweise die mehrmaligen Weltmeister und Olympiasieger Yasuhiro Yamashita und Hitoshi Saito für die Graduierung zum 8. Dan jeweils die Koshiki-no-kata vor rund 10.000 Zuschauern im Rahmenprogramm der Alljapanischen Meisterschaften dernonstrieren.

Bekanntgabe und Beurkundung
Kano war der Ansicht, dass die Beurkundung einer neuen Graduierung und eine entsprechende öffentliche Würdigung Stolz und damit Motivation der erfolgreichen Kandidaten anregen würde.
Die ersten Graduierungsurkunden wurden bereits 1894 gedruckt - bis dahin waren sie handschriftlich abgefasst. Im selben Jahr fand auch die erste große Verleihungszeremonie im Rahmen der Eröffnungsfeierlichkeiten für das Dojo in Shimotornizaka-cho mit 103 zu Ehrenden statt.
Interessant ist der Text der Urkunden :
1., 2. und 3. Dan : Der Halter dieses Zertifikats hat große Anstrengungen im Studium von Nihon-den-Kodokan-Judo unternommen und ausreichende Fortschritte gemacht, um mit dem 1. (2./3.) Dan ausgezeichnet zu werden. Er wird sein Training fortsetzen, um seine Fertigkeiten zu verbessern.
4. und 5. Dan: Über einen Zeitraum von mehreren Jahren hat der Halter dieses Zertifikats
große Anstrengungen beim Studium von Nihon-den-Kodokan-Judo unternommen, große technische Fähigkeiten gezeigt und wird hierfür mit dem 4. (5.) Dan ausgezeichnet. Er wird weiterstudieren, um ein Lehrer zu werden.
6. Dan: Über einen Zeitraum von mehreren Jahren hat der Halter dieses Zertifikats große Anstrengungen beim Studium von Nihon-den-Kodokan-Judo unternommen, eine Meisterschaft in der Technik demonstriert und wird hierfür mit dem 6. Dan ausgezeichnet. Er muss weiter studieren,um ein echter Meister zu werden.
Aus den Formulierungen wird ersichtlich,
dass ein Dan-Grad keineswegs als Meistergrad zu verstehen ist, wie es im Westen häufig verstanden wird. Der 1. Dan markiert vielmehr den Einstieg in ein ernsthaftes Judostudium, nachdem man den Anfängerstatus überwunden hat. Auffällig ist ferner, dass alle Beurkundungstexte mit der Aufforderung schließen, weiter zu studieren. Dies betont
noch einmal die Funktion der Graduierungen, über Anerkennung der Anstrengungen - auch diese werden in den Texten lobend erwähnt - zu fortgesetztem Studium zu motivieren .

Lesetipps
Kodokan-Literatur

Bennett, Alex: Jigoro Kano and the Kodokan - an innovativeResponse to Modemisation, Kodokan Judo Institute, 2009

Kano, Jigoro: Kodokan Judo, Verlag Dieter Born, 2007/2012

Quelle: Judo-Magazin 4/13